Auszug aus unserem Buch “SpielenDenkenLernen”, Cornelsen 2008Memory Talk – Der Zusammenhang von Sprache und GedächtnisJe weiter wir im Geist unseren Lebensfilm zurückspulen, desto fragmentarischer wird er, bis er gänzlichstoppt – der Anfang fehlt. Ab wann taucht das „Ich“ auf und warum? Die Sprache ist der Schlüssel,Erinnern ist das Ergebnis von Kommunikation. Denn die Muster des Erinnerns und Denkens lernen wirals Kinder von unseren Bezugspersonen.Der Blick zurück ist geheimnisvoll und spannend: Plötzlich tauchen aus der verschwommen belichtetenKinderzeit erste Erinnerungsmomente auf, üblicherweise aus der Zeit, als der Rückblickende etwa vierJahre alt war – was davor erlebt wurde versinkt im Vergessen. Warum eigentlich? Die Neurobiologieerklärt diese „frühkindliche Amnesie“ mit Reifungsprozessen des Gehirns. Gleichzeitig entdecktenHirnforscher, dass die frühen Jahre von größter Bedeutung für die Entwicklung des Menschen sind.Babys, das weiß man heute, sind keineswegs die passiven Reflexionsbündel, für die man sie lange hielt,und schon Kleinkinder haben intuitive Wissenstheorien. Die neurobiologische Erklärung des frühenVergessens scheint nicht ausreichend, zumal sich bereits Babys über Tage hinweg, Kleinkinder bis zueinem Jahr, an bestimmte Situationen erinnern können. Nur, reden können sie darüber noch nicht – undgenau das wird von Frühpädagogen und Entwicklungspsychologen als Hauptgrund für das spurloseVerschwinden der frühen Erlebnisse angesehen. Auf unterschiedlichen Wegen sind die Wissenschaftler der verschiedenen Disziplinen zu frappierendähnlichen Befunden gekommen: Art und Qualität des Eltern-Kind-Dialogs entscheiden demnachmaßgeblich darüber, was und wie wir lernen und erinnern. Bildungsexpertin und Psychologin KristinGisbert weist mit ihren Forschungen vor allem auf den direkten Zusammenhang von sprachlicherAufarbeitung von Erlebnissen und metakognitiven Kompetenzen hin, während die New YorkerEntwicklungspsychologin Katherine Nelson seit 1994 ihre Untersuchungen auf die Verzahnung vonSpracherwerb und „Selbstverstehen“ sowie autobiografischem Gedächtnis fokussiert. Diese und weitereStudien offenbaren: sobald Kinder Sätze bilden können, beginnen sie mit ihren Eltern auch überVergangenes zu reden – der Fachbegriff lautet „Memory Talk“. Es ist der Augenblick, in dem das „Ich“emportaucht: wir lernen Erinnern....mehr in unserem Buch auf den Seiten 104-107Dieser Text wurde in einer ähnlichen Fassung veröffentlicht in Psychologie Heute 3/2006.